Manchmal kam es ihr vor, als seien die Damaszener die Deutschen des Nahen Ostens. Denn: „vor 10 wird der Syrer nicht aktiv“. Und wenns um 11 Uhr 50 Grad hat, vor 10 wird er nicht aktiv, eher erleidet er einen Hitzschlag. In Aleppo und Hama war morgens die Hölle los und abends waren alle zu Hause. Aber nein, in Damaskus ist vor 10 Uhr nichts los, dafür sind alle bis Mitternacht auf den Strassen.
Also nicht, dass der Deutsche nicht vor 10.00 Uhr aktiv würde. Aber diese Sturheit, mit der man an dieser Uhrzeit festhält, das kam ihr schon sehr sehr bekannt vor. Und diese Betriebsamkeit, wenn man mal aufmacht, erschien ihr ebenso bekannt. Nur dass in Damaskus das Schwatzen vor dem Laden sehr wohl Arbeit ist, weil Schwatzen ist Kommunikation und ein wichtiger Bestandteil der Arbeit.
Jeden Morgen musste sie über eine Brücke. Diese führt über eine insgesamt vermutlich 8-spurige Ausfallstrasse. Vermutlich 8-spurig, weil keine Spuren aufgemalt sind, weil sich sowieso keiner daran halten würde und jeder fährt, wie er meint.
Schon vor 10 Uhr ist allerdings die Verkehrspolizei auf dem Posten. Die Verkehrspolizisten haben Ränge. Zu manchem Rang gehört ein Motorrad und Stiefel und passendes Hemd. Sonst sind die Uniformen undefinierbar gelbgrün mit One-Size-Fits-All. Diese 1 Grösse für Alle, vielleicht auch 2 oder 3, das zeigt ganz traurige Ergebnisse. Da gibt es ganz lange dünne Männer, ganz kleine Dicke, ganz kleine Zierliche und grosse Fette. Und alle haben immer die gleiche Hemdengrösse an. Dann ersaufen die kleinen Zierlichen im Hemd und beim Dicken platzen alle Nähte. Am schicksten ist die Polizei für die Touristen, manche Hose sah hier schwer nach eigener Kleidergrösse aus und alle hatten Bügelfalten. Krawatten gabs ebenfalls und Abzeichen auf den Hemden. Syrien hat zumindest in den Grossstädten eine eigene Touristenpolizei. Zu denen kannst du gehen, wenn du ein Problem hast. Sie sind richtig nett, auch wenn kaum einer englisch oder sonst eine Sprache ausser Arabisch spricht. Jedenfalls bemühen sie sich sehr, sind eigentlich eher Touristeninformation als Touristenpolizei. Aber wenn du belästigt wirst, dann gehst du dorthin, die Herren gehen dann mit dir zum Ort des Geschehens. Wenn jemand von einem Touristen angeschuldigt wird, der hat nichts zu lachen, das gab jedesmal grosse Aufläufe.
Zurück zum Verkehrspolizisten: Der fuchtelt auch nicht auf seiner Kreuzung herum und trillert auch nicht immer auf der Pfeife oder schwingt den Knüppel. Auch hier: die kleine Geste ist die wichtige. Sobald am Strassenrand der Knüppel auch nur leicht in die Waagrechte geht, steht der Verkehr. Und keiner traut sich zu hupen. Jedenfalls so lange nicht, bis der Hintermann hupt. Sie überlegte sich, wie oft sie wohl wegen Verkehrsregelmissachtung verhaftet würde, weil sie in diesem Verkehr die Verkehrspolizisten mit ihren kleinen Gesten nicht sehen würde.
Überhaupt – autofahren in Damaskus! Im Taxi sah das jeweils aus wie Walzertanzen zu unhörbarer, unbekannter Musik, wenn der Fahrer völlig ungerührt und ohne das Tempo zu verringern durch schauerliche Situationen kurvte. Radfahrer scheinen grundsätzlich entgegen der Fahrtrichtung zu fahren, ein Selbstmordunternehmen, das erstaunlich viele Radfahrer überleben. Kleinmotorräder sind nicht viel besser.
Das Netz des öffentlichen Verkehrs ist sehr gut ausgebaut, billig und schnell. Sie kam mit dem Mikrobus überall hin. Auch die Überlandbusse sind erstaunlich modern und schnell und bequem. Diese Überlandbusse sind jedoch für sommerliche syrische Temperaturen nicht wirklich geeignet, auf den Autobahnen fahren sie immer mit offener Motorklappe, damit der Fahrtwind den Motor kühlt.
Busse des öffentlichen Verkehrs fahren im Sommer ebenfalls gerne mit allen Türen offen, dafür sind die Busse gestopft voll und es ist ein Wunder, dass niemand herausfällt. Dabei war es bei den vorherigen Reisen noch schlimmer. Die alten kleinen Klapperbusse wurden alle aus dem Verkehr gezogen, die Anzahl Passagiere beschränkt, Rauchen verboten. Die kleinen Mikrobusse in Privatbesitz sollen aber abgeschafft werden und nur noch die grossen Busse verkehren, wie wir sie in Europa kennen. Wenn sie diese Mikrobusse ganz abschaffen, wird das ein Drama. Weil die grossen Busse niemals die engen Strassen erreichen, wo die kleinen immer gut durchkommen.
Die Leute laufen, wie sie autofahren. Keiner guckt irgendwie so wie wir. Nein, man geht aufeinander zu und im letzten, allerletzten Moment macht einer einen kleinen Schlenker und es gibt keinen Zusammenstoss auf dem Bürgersteig. Sie hatte aber noch nicht herausgefunden, wie der Schlenker stattfindet, und wie die Regeln sind. Und so rempelte sie oft mit den Leuten zusammen, weil sie natürlich im Gedränge wie eine Litfassäule im Weg war.
Geparkt wird, wo es einem grade einfällt. Das hat aber auch bald ein Ende. Es ist eine private Parkplatzverwaltung beauftragt worden, für Ordnung zu sorgen. An vielen Orten gibt’s jetzt zentrale Parkuhren. Und wer kein kein Ticket hat – zack – Kralle ans Auto und sofort abgeschleppt. Wohin? Das wissen die Götter. Was das kostet? Ein Vermögen. Denn allein schon fürs blitzen bei zu schnellem Fahren kostet das 7000 Pfund. Bei 12’ 000 Pfund Einkommen ist das doch recht happig.
Abschleppwagen mit Polizei waren sehr oft zu sehen. Die blaffen durch den Lautsprecher jeden an, der in 2. Reihe parkt oder sonst den Verkehr stört. Bei nicht sofortiger Wegfahrt wird sofort abgeschleppt.

