Leseprobe: Alltag

Die ersten beiden Male hat sie sich mehr oder weniger treiben lassen vom Leben dort, hat mitgenommen, was gerade bequem auf sie zukam. Dieses Mal wurde sie selbst aktiv, hat ihre Ausflüge selbst organisiert, telefonisch Termine vereinbart, Freunde besucht. So kam sie mit der Mentalität ganz anders in Kontakt und schnell auch in Konflikt. Plötzlich fielen ihr Dinge auf, die ihr bei den beiden vorherigen Reisen nicht aufgefallen waren.
Die leisen Gesten sind die wichtigsten. Was hat das für Auswirkungen im Alltag? Z.B. beim Taxifahren. Solange der Fahrer laut um den Preis feilscht, meint er das nicht ernst, und weiss, dass er weiter runtergehen muss. Das Nicken nach hinten ist eine kaum wahrnehmbare Bewegung, die Einverständnis mit deinem Preisvorschlag erklärt, aber du kannst immer noch Zungeschnalzen und gehen. Der Transportvertrag wird völlig wortlos abgeschlossen.
Die Mimik ist allgemein sehr sparsam. Man reisst nicht die Augen auf oder verzieht den Mund, das ist höchst lächerlich und wird nur zu Unterhaltungszwecken verwendet. Man schreit auch nicht ärgerlich. Oder verwirft die Hände, oder lacht laut. Einmal, eine stark befahrene Strasse, schnalzte leise neben ihr ein junger Verkehrspolizist und winkte ganz klein und kurz hinter dem Rücken mit ein paar Fingern. Worauf sie kurz guckte und er sie dann über die Strasse geleitete. Sie stand schon oft an solchen Strassen mit den üblichen Verkehrspolizisten. Und sie fragte sich, wie oft sie derlei Hilfe einfach übersehen hatte, bisher hatte ihr keiner über die Strasse geholfen oder den Verkehr angehalten. Und so vermutete sie, sie sei vermutlich einige Male über stark befahrene Strassen geturnt und ein armer junger Verkehrspolizist dachte, so einer werde ich nicht mehr helfen.
                                    
In der Ummayyaden Moschee waren während der Gebetszeiten Männer und Frauen getrennt, das war neu. Faruk wusste, wieso das so ist. Die Frauen hätten sich unmöglich benommen, da mussten sie einschreiten. Nicht die Touristen-Frauen waren die Übeltäterinnen. Die eigenen Frauen hätten sich da, wo sich die Betenden aufstellen, breit gemacht, mit Picknick, Kindern und Essen auf den Teppichen. Sie seien dann auch nicht weggegangen oder nur unter Protest, als die Männer beten wollten. Und jetzt wird zur Gebetszeit abgesperrt. Vorne wird gebetet und hinten können die Frauen ausruhen und die Kinder rumrennen.
Sie war gespannt auf die Moschee, wo sie mit der Lehrerin hingehen wollte. Die Abaya war schon anprobiert. Alle fanden sie sehr schön in dem schwarzen Umhang mit Kopftuch, nun ja, sie war eine imposante Erscheinung mit hellen Augen und heller Haut, und doch kam sie sich seltsam vor.
Moscheen sind nicht nur Gebetshäuser wie bei uns. Man trifft sich dort, lernt neue Leute kennen. Manche Moscheen haben Klimaanlagen und dann halten die Leute ein Mittagsschläfchen in der Moschee, oder die Frauen ruhen sich einfach aus, weil es draussen so heiss ist. Und immer rennen Kinder umher.

In der Innenstadt von Damaskus: arabische Touristen, vermutlich vom Lande. Tiefschwarz verschleierte Frauen. Ein Aufgang mit Treppe und Rolltreppe wahlweise. Die Damen wollen die Treppe nehmen, aber der Herr will sich in der Grossstadt nicht blamieren und schickt sie auf die Rolltreppe.
Da stehen sie nun, die armen Mädels und sehen nicht, wo die Stufe kommt, und wie man drauftreten muss. Europäer fühlen die kommende Rolltreppenstufe ja schon mit der Fussspitze und rutschen dann darauf. Unsere Vorfahren allerdings müssen sich den ersten Rolltreppen ebenso genähert haben, wie diese Frauen: vorsichtig mit dem Fuss antippen und dann ängstlich draufhopsen. Was durch die lange Bekleidung und die Schleier nicht einfach ist. Die Kinder hatten allerdings viel Spass an der Rolltreppe und sind pausenlos und unter viel Geschrei hoch und runter gefahren. Und weil es so viele Kinder waren, haben sie alles blockiert. Die Ladenbesitzer in der Unterführung reklamierten bald ebenso lauthals, es gab einen Auflauf, bis der Vater die Kinder mit einem Klaps von der Rolltreppe scheuchte.